Architekturfilm-Matinée
Architektur war immer eines der einflussreichsten Kommunikationsinstrumente jener, die über die Mittel verfügten und auch die Macht besaßen, diese anzuwenden. Raum formt sich aus gesellschaftlichen Machtverhältnissen die sich über die Markierung von Territorien sowie über die Beschneidung öffentlichen Raums und dessen rigorose Kontrolle und Überwachung artikulieren. Vor diesem Hintergrund präsentiert die aktuelle Architekturfilm Matineé WELT GESTALTEN drei bemerkenswerte Dokumentarfilme, die uns historische wie aktuelle politische, soziale und ökonomische Machtrelationen vor Augen führen. Zur Zeit des Faschismus in Italien spielten Architektur und Städtebau eine zentrale Rolle: Monumentale Bauten und klare Achsen wurden als Zeichen von Macht, Ordnung und der vermeintlichen Wiedergeburt des Römischen Reiches quer durch das gesamte Land etabliert. In LATINA LATINA erzählt der irische Regisseur Adrien Duncan über eben jene Architektur der faschistischen Ära in Italien. Bereits vor Mussolinis Machtübernahme hatte der italienische Dichter Gabriele D’Annunzio mit der Besetzung der heutigen Stadt Rijeka (damals Fiume) 1919 ein protofaschistisches Experiment geschaffen, das viele Rituale, Symbole und Ideen des späteren Faschismus vorwegnahm. Mit seinem mehrfach preisgekrönten Meisterwerk FIUME O MORTE! gelingt dem kroatischen Regisseur Igor Bezinović dieses fast vergessene Geschichts-Kapitel mit einer Mischung aus Humor, historischer Tiefe und einer selbstironischen Inszenierung als unerbittliche Gegenwart erfahrbar zu machen. Der Schweizer Dokumentarfilm ARCHITEKTUR DES GLÜCKS portraitiert die kleine italienische Gemeinde Campione d’Italia, die über ein Jahrhundert im Schatten eines mächtigen Casinos lebte und enormen Reichtum daraus zog. Mit dessen plötzlichen Konkurs stürzte der Ort in eine existentielle Krise. Sinnbildhaft mahnt der leerstehende, überdimensionierte Casinobau des italienischen Architekten Mario Botta an der Küste des ehemaligen Fischerdorfs.
Kuratorin, Texte & Moderation der Gespräche: Lotte Schreiber



